Am Arsch der Welt

 
Jährlich werden fast 10 Milliarden Tiere brutal und grausam geschlachtet, obwohl die Menschen sich auch fleischlos ernähren könnten. Fleischlose Ernährung würde im Übrigen positive Auswirkungen in allen weltweiten Problembereichen nach sich ziehen. Nur allein das reicht schon aus, um die Menschen zu hassen, von allen anderen Gräueltaten der Menschheit einmal abgesehen. Das Leben hat einen schönen und einen hässlichen Aspekt. Gegenwärtig sehe ich überwiegend den hässlichen, den grausamen, schrecklichen, furchtbaren Aspekt des Lebens. Doch will ich am heutigen Samstag meine hasserfüllte Stimmung der nihilistischen Sinnlosigkeit und Verzweiflung zurückstellen und Negatives in Positives umwandeln, indem ich den Morgen mit einer "Runde Hare Krishna" und einer Lesung aus der Bhagavad Gita wie Sie ist beginne. Wenn ich mich unwohl fühle, bin ich nicht religiös. Wenn ich mich wohl fühle, bin ich religiös. Ich reagiere demnach auch diesbezüglich genau umgekehrt als die Mehrheit. Die meisten Menschen sind religiös, wenn es ihnen schlecht geht und vergessen die Religion, wenn es ihnen gut geht. Für sie ist Religion nur eine Notlösung. Für mich ist Religion Erfüllung. Je besser es mir geht und je wohler ich mich fühle, umso religiöser bin ich. Ich wende mich aber auch an Gott, wenn ich in innerer Not bin und ich hoffe, dass ich das auch in meiner Todesstunde tun werde.
 
Ich komme zurück auf das Essen von Fleisch. Darauf bezogen befinde ich mich schon seit Jahrzehnten in einem inneren Konflikt der Spaltung, der sich so erklärt. 1977 begann ich mich fleischlos zu ernähren. Doch brachte mir diese Ernährungsumstellung schwere Probleme mit meiner Familie ein. Außerdem verzichtete ich damals auf Alkohol, Nikotin und Kaffee. Und was das Essen betraf, nahm ich außer Milch und Milchprodukten keinerlei tierische Nahrungsmittel zu mir, d.h. auch keine Wurst, keine Eier und keinen Fisch. Des Weiteren aß ich diese Nahrung nur, wenn ich sie vorher Gott, der für mich Krischna hieß, in einer Opferzeremonie geweiht hatte. Überdies gehörte es zu den regulierenden Einschränkungen, dass ich mich an keinerlei Glücksspielen wie zum Beispiel Lotto und Toto beteiligen durfte und mich sexuell nur in der Ehe zur Zeugung von Kindern hätte betätigen dürfen. Es war eine ganze Kultur, eine fremde, unbekannte und darum auch Angst machende Kultur, die ich praktisch von heute auf morgen in meine unwissende Arbeiterfamilie im kleinen Dörfchen Eins, das jetzt Eins im Bitter Tal heißt, hinein brachte. Für meine Familie war dies wie ein Schlag mit dem Schmiedehammer vor den Kopf
 
 
 
Aus meinem Buch "Die Texte und Fragmente des Walter Stein" (2014)