Die falsche Prognose

 
Es regnet. Es ist einer der trostlosen Tage. Nur acht Stunden ist es hell, 16 Stunden dunkel. Heute ist einer der Tage, die mich depressiv und hoffnungslos machen. Seit meiner ersten Einweisung in die Psychiatrie im Januar 1978 sind 37 Jahre vergangen und seit meiner Berentung 1983 sind es 32 Jahre her. Wenn ich von der Prognose ausgehe, die der Oberarzt 1978 in der Psychiatrie meinen Eltern mitteilte, habe ich viel aus mir gemacht und für unmöglich Gehaltenes erreicht. Ich gebe wider, was der Oberarzt meinen Eltern zu meinem Fall prognostizierte. Er sagte: „Ihr Sohn ist so krank, dass er nie mehr arbeiten können wird. Wenn er Glück hat, kann er vielleicht noch mit Schippe und Hacke im Straßengraben beschäftigt werden!“ Und nun bin ich Schriftsteller geworden, also ein Intellektueller. Somit habe ich das Unmögliche möglich gemacht. Wenn man es so betrachtet, müssten die Leute und meine Familie staunen und den Hut vor mir ziehen. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Man verachtet mich nach wie vor als Irren und als verkommenes Subjekt. Man lacht mich aus als Verrückten, der den tiefsten Punkt erreicht hat, auf den ein Mensch absinken kann. Andere bleiben dabei, dass ich ein Faulenzer und Sozialschmarotzer sei, für den Hitler die beste Lösung gehabt hätte. Wiederum andere halten mich für einen bösen, unzurechnungsfähigen, gemeingefährlichen Irren, der nicht mehr weiß, was er tut und von dem Gefahr für Leib und Leben seiner Mitmenschen droht und ausgeht, obwohl diese Angst vor mir völlig unbegründet ist, da ich in meinem ganzen Leben noch keinem Menschen ein Haar gekrümmt habe und als aktiver Autor beweise, dass ich hell und klar im Kopf sein muss. Das ist meine Situation in meinem Umfeld. Diese Situation macht mir schwer zu schaffen. Sie macht mich krank. Und dann auch noch dieser trostlose Tag, jahreszeitlich- und wetterbedingt. Es ist zum Verzweifeln. Ich bin am Ende. Körperlich bin ich in einem schlechten Zustand. Ich wiege fast doppelt so viel, wie mein Normalgewicht wäre und rauche viel. Auch habe ich Antriebsprobleme. Es fällt mir schwer, regelmäßig meine Körperpflege zu tätigen. Ich habe zu nichts Lust. Mich interessiert nichts. Ich kann nichts mehr arbeiten. Ich habe keine Einfälle zum Schreiben. Wenn ich kein wehleidiger Feigling wäre und glauben würde, dass mit dem Tod alles aus ist, hätte ich mir schon lange das Leben genommen. So vegetiere ich dahin ohne Sinn, ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Besserung. Schon sehr lange sterbe ich fast aus Einsamkeit, werde nicht eingeladen, nicht besucht. Man spricht nicht mit mir, will nichts mit mir zu tun haben, nichts von mir wissen. Ich bringe den treffenden Vergleich: Man meidet mich, als hätte ich Ebola. Es herrscht kalter Krieg meiner Umgebung mit mir. Ich befinde mich in der typischen Lage, die bei psychisch Kranken, bezogen auf ihre Situation in ihrem Umfeld, bekannt ist: Ich bin sozial isoliert. Dabei habe ich keine psychotischen Symptome. Ich bin symptomfrei, also aus medizinischer Sicht nicht krank. Mein Leiden kommt nicht von innen aus mir selbst, sondern von außen, von meinem Stand in meinem sozialen Milieu. In den Medien, Presse, Rundfunk, Fernsehen, Internet, bereitet man sich auf Weihnachten vor. Auch in den Kirchen, Schulen, Kindergärten und überall geht es vorweihnachtlich zu. Man gedenkt der armen, kranken, behinderten, einsamen Menschen, an die das ganze Jahr über niemand denkt. Dafür ist ja Weihnachten da. Man lädt Obdachlose zu Weihnachtsfeiern ein und will alles wieder gut machen, was man im Jahreslauf versäumte. Unsere kalte, harte, lieblose Gesellschaft soll wenigstens an Weihnachten ein wenig wärmer werden. Ich leide in beschriebener Weise schwer. Mir hilft auch an Weihnachten niemand. Was im eigenen Dorf schlecht ist, will man nicht sehen und nicht wissen. Ich mache in meinen Büchern darauf aufmerksam, doch die Leute wollen meine Bücher nicht lesen. Man weiß, wie man mir helfen könnte. Indem man sich für meine Bücher interessieren würde und mich zu Lesungen einladen würde. Das kommt aber gar nicht in Frage. „So Einem“ hilft man nicht, grundsätzlich nicht. Prinzipiell will man von meinen Werken nichts wissen. Grundsätzlich verweigert man „so Einem“ die Hilfe. Wem niemand hilft, der muss sich selbst helfen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand. Also helfe ich mir selbst. Ich nehme meine Meditations- und Gebetskette in die Hand und bete Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare/ Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare. Nach der ersten Runde ist mein Stimmungsbarometer schon ein wenig gestiegen. Ich lasse eine zweite und eine dritte Runde folgen. Das bewirkt eine so bedeutsame Stimmungsverbesserung, dass ich anfange zu schreiben. So ist dieser Text entstanden. Und das ist von größter Bedeutung. Ich habe wieder Einfälle und kann wieder schreiben. Ich verdanke es der Macht des heiligen Namens. Ich selbst bin ich nur, wenn ich die heiligen Namen spreche und wenn ich schreibe. Wenn ich Ichselbst bin, bin ich psychisch gesund.
 
aus meinem Buch "Der schwarze Peter" (2015)