Ein dicker Drecksack

Aus meinem Buch "Die Texte und Fragmente des Walter Stein" (2014)
 
„Hat das Schwein Scheiße gefressen?“, fragt mich meine Freundin, als sie das Erbrochene unseres Hundes sieht. Vor fünf Minuten bin ich mit unserem sechsjährigen Rüden von einem Rundgang zurückgekehrt. Während des Spaziergangs hatte Toni, wie unser Vierbeiner heißt, mit braunem Grund verdrecktes Gras gefressen, das er eben wieder aus seinem Magen herausgewürgt hat. „Nein, das ist keine Scheiße, sondern dreckiges Gras“, entgegne ich meiner Freundin Zita. Sie hat eine CD von einer irischen Band im CD-Player. Die Musik hört sich für mein Empfinden etwas schwermütig an, weshalb ich sie nicht als Unterhaltungs-, sondern als ernste Musik bezeichnen möchte. Ja, die Musik ist etwas sehr Wichtiges und Wertvolles, denke ich, auf Klangschwingungen ganz allgemein bezogen. Doch beim Essen will ich keine hören, mag sie noch so gut sein. Zita tischt das Mittagessen auf. Es gibt Dürrfleisch, Salzkartoffeln und Grünkohl, ein unreines Essen, das nach vedischem Standard nur Unberührbare verzehren. Auch dass wir einen Hund im Haus und dann auch noch in der Esszimmerküche als Haustür halten, ist für indische Begriffe ein schweres Vergehen. Das unreine Dürrfleisch schmeckt gut, doch habe ich immer Schuldgefühle, wenn ich Fleisch und Wurst genieße, nicht nur wegen der Unreinheit dieser Nahrungsmittel, sondern auch weil ich schon als kleiner Junge Mitleid mit Schlachttieren empfand. Das hat sich bis heute nicht geändert. Dass ich immer noch Fleisch zu mir nehme, beruht demnach auf einer Unvereinbarkeit und Widersinnigkeit und stellt folglich ein schizophrenes Verhalten dar. Trotzdem mache ich einen Witz darüber, indem ich während des Mahls meine Freundin frage: „Wird man vom Dürrfleisch dürr? Dann muss ich mich von Dürrfleisch ernähren. Ab heute wird nur noch Dürrfleisch gekocht!“ Ich wiege bei 1,67 m Körpergröße 120 kg. Folglich schleppe ich ständig ein Übergewicht von 53 kg mit mir herum. In den 10 Jahren von 1977 bis 1987, als ich mich vegetarisch ernährte, hatte ich mein Normalgewicht und fühlte mich insgesamt bedeutend wohler.
 
Nach dem unreinen und ungesunden Essen werde ich müde und lege mich ins Bett, um einen Mittagsschlaf zu halten. Vor unserem Bett haben wir einen Fernseher und einen Videorecorder auf einer Kommode stehen. Ich lege mir ein Pornovideo ein. Auch dies verstößt gegen die regulierenden Prinzipien der Hare Krishna-Bewegung. Doch meine Freundin interessiert sich schon lange nicht mehr für meinen Körper. Seit Jahren argumentiert sie: „Wenn du Fettsack auf mir liegst, bekomme ich keine Luft mehr!“ Allerdings gehört sie auch zu dem Typ Frauen, dem an Sex nichts liegt. Fast habe ich den Verdacht, dass sie asexuell ist. Abgesehen von ihrem Desinteresse an meinem Körper, für mein Denken hat sie sich noch nie tiefer und umfassender interessiert. Sie will nur belangloses Alltagsgespräch von mir hören wie alle anderen Menschen meines Umfelds auch. Sie ist ein gewöhnliches, schrecklich normales Mädel vom Land. Und sie gehört zur Kategorie der „reinen Frauen“. Ich aber bin voller Unreinheiten. Ich bin ein dicker Sack voller Dreck, ein dicker Drecksack. Und dementsprechend fühle ich mich auch oft. Zum Beispiel heute Morgen, bevor ich zwei Runden Hare Krishna gebetet hatte, hatte ich mich selbst in dieser Art und Weise abgewertet als dicken, fett gefressenen Drecksack.