Die Bestie

 
 

1

 
Bin ich es wert geliebt zu werden, so wie ich bin?
Auf diese Frage kann ich keine Antwort geben.
Ich kann nicht ja und kann nicht nein sagen.
Ich stelle eine zweite Frage:
Kann ich lieben, so wie ich bin?
Ich weiß es nicht.
Bin ich nur dann wert geliebt zu werden, wenn ich selber lieben kann?
 
Lieben kann ich noch nicht.
Also bin ich es auch nicht wert geliebt zu werden.
Um geliebt werden zu können, muss man erst selber lieben können.
 
Denn lieben ist ein Geben und ein Nehmen.
Ich kann keine Liebe geben und kann keine Liebe nehmen.
Ich kann keine Liebe erkennen.
Manchmal sehe ich ein Lächeln.
Ist das Liebe?
Es dreht sich alles um die Liebe,
so wie die Planeten sich um die Sonne drehen.
 
Kann ich mich meines Lebens freuen
und dankbar für mein Leben sein?
Wem soll ich dankbar sein?
Dem Leben?
Kann ich dem Leben vertrauen?
Dem Leben in mir...
 
Leben und Liebe, leben und lieben...
Ich weiß, dass ich lebe.
Hat es einen Sinn zu leben
ohne zu lieben?
Hat mein Leben einen Sinn?
 
Es heißt, Gott sei dreifaltig:
Leben-Liebe-Sinn
 
Eben habe ich diese Gedanken zu Ende geschrieben, da klopft es dreimal an meiner Tür.
Wer ist das?
Ich sage: "Herein!"
Doch es tritt niemand ein.
Ich öffne die Tür,
aber niemand ist da.
Wer hat an meine Tür geklopft?
 
Ich schreibe weiter:
Ich kann mich meines Lebens nicht freuen, weil es keine Freude in meinem Leben gibt. Über was soll ich mich freuen? Es gibt keinen Grund mich zu freuen.
Immerhin bin ich am Schreiben, ohne zu wissen, was noch dabei herauskommen wird. Ich lasse es geschehen, das Schreiben. Die Einfälle, die kommen, schreibe ich auf. Woher kommen meine Einfälle?
Sie kommen nicht aus dem Verstand, sondern von einer Instanz, die über dem Verstand liegt oder aus einer tieferen Tiefe als der des Verstandes. Kommen sie aus der Seele, aus dem seelischen Wesen? Sind meine Gedanken Gedanken der Seele? Gibt es überhaupt eine individuelle Seele? Oder gibt es nur die All-Seele, das All-Wesen? Das ist eine Frage, die von den einen so und von den anderen anders beantwortet wird. Die einen sagen, es gebe eine individuelle Seele und eine All-Seele und zwischen der individuellen Seele und der All-Seele bestehe eine Beziehung reiner Liebe. Die anderen behaupten, das Eins-Sein mit der All-Seele sei das Höchste und Tiefste..
 
Meine Einfälle kommen wie aus dem Nichts. Das Nichts ist nicht nichts, sondern ein Zustand des Bewusstseins ohne Inhalt, ein leeres Bewusstsein, also reines, pures Bewusst-Sein. Dieses Nichts spielt bei allen Mystikern eine wichtige Rolle. War es das Nichts, das dreimal an meine Tür klopfte?
Was für ein verrückter Gedanke! Irre!
In Wirklichkeit hat es gar nicht an meine Tür geklopft. Das habe ich nur erfunden.
Es gibt etwas, das ausgedrückt sein will. Darum schreibe ich. Was will ausgedrückt werden? Warten wir ab.
 
Soll ich eine Geschichte frei erfinden, wie fast alle Autoren es tun? Oder soll ich es durch mich schreiben lassen? Ich entscheide mich für das Zweite. Ich warte ab, was es schreiben will. Wer oder was ist es? Ein Gespenst oder ein Dämon oder ein Gott?
Schon wieder ein verrückter Gedanke! Hauptsache, ich erkenne die verrückten Gedanken als verrückt.
 
Draußen höre ich eine Kettensäge. Ein Mann arbeitet mit der Säge am Holz.
In fünf Minuten kommt meine Lebensgefährtin von der Arbeit heim. Es ist 17:10 Uhr.
Sie ist jetzt zu Hause. Wir sprechen kurz miteinander. Danach fahre ich mit meinem Motorroller weg. Ich fahre weg, weil ich kein Stubenhocker bin und hinaus muss.
Manchmal begegnet mir jemand, der mit mir redet, wenn ich am Waldrand auf der Bank am Tisch sitze. Es sind immer die gleichen vier Männer, die mit mir sprechen. Sie heißen Olaf, Gerhard, Helmut und Guido.
Gestern saß Helmut bei mir am Tisch. Er sprach über seine Arbeit, über Politik und über ein Problem, das er inzwischen gelöst hat. Ich sagte ihm, wie ich darüber denke.
Heute saß ich allein am Tisch. Meisten sitze ich allein. Ich rauchte eine Zigarette und fuhr danach zu einer anderen Bank.
Bevor ich losfuhr, ging ein Paar an mir vorbei und aus dem Tal bimmelte das Glöcklein einer Dorfkapelle: 18 Uhr, Feierabend.
 
 

2

 

Dass ich gar nicht lieben und mich gar nicht freuen kann, ist nicht wahr. Ein wenig Freude und ein wenig Liebe spüre ich hin und wieder. Ich bin zufrieden und friedlich, fühle mich nicht mehr ärgerlich, frustriert und deprimiert. Ich bin in der Gefühlsskala aufgestiegen von den negativen zu den neutralen und leicht positiven Gefühlen. Jedenfalls ist es zur Zeit so. Wie es mit meinen Gefühlen weitergeht, weiß ich noch nicht. Ich glaube, dass eine ansteigende Tendenz zu erkennen ist.

Ich habe mich dafür entschieden, dass das Eins-Sein mit der All-Seele der tiefste und höchste Zustand des Bewusstseins ist. Die All-Seele ist immer und überall der tiefste Wesensgrund in jedem und allem, in dem alles eins ist. Sie ist das Eine im Vielen, die Tiefe hinter der Oberfläche, der Ozean unter den Wellen an der Oberfläche.

Diese Entscheidung hat tiefgehende und weitreichende positive Folgen. Zu wissen, dass man mit allen Menschen, mit allen Lebewesen und mit allem Existierenden im tiefsten Wesensgrund eins ist, das ist das Fundament der Liebe, der tiefsten, allumfassenden, alldurchdringenden Liebe. Dieses Wissen gibt  Kraft, Ruhe, Stille, Frieden, Gelassenheit und Entspannung vom Lebenskampf.

Das ist es, das durch mich schreiben will: Das Selbst will durch das Ich schreiben. Ich lasse es zu. Ich will ein Werkzeug, ein Instrument des Selbst, des göttlichen All-Wesens sein. Es soll durch mich wirken. Ich will seine Flöte sein und seine Musik spielen. Ich will schreiben, was das göttliche All-Wesen mir eingibt.

Um das zu können, muss ich durchlässig sein, transparent und offen für die Tiefe. Ich weiß nicht, ob ich das immer kann. Die Dunkelheit wird mich immer wieder überkommen. Ich werde mich immer wieder verschließen. Das heißt, dass die Durchlässigkeit zur Tiefe immer wieder verloren geht.

Ich bin nichts Besonderes, denn das Selbst, das Göttliche will nicht nur durch mich wirken, sondern durch jeden Menschen. Jeder Mensch soll ein Werkzeug, ein Instrument des Göttlichen sein, nicht nur ich. Also habe ich keine Ambitionen, bedeutender als andere zu sein. Im Ich durchlässig zu sein für das Wirken des göttlichen Selbst, ist der Lebenssinn aller Menschen, nicht nur mein Lebenssinn.

Ich will den Menschen, die mich kränkten, vergeben und bitte die Menschen, die ich kränkte, um Vergebung. Vergebung heilt.

 

3

 
Wenn ich ins Gesicht eines kleinen Kindes schaue, sehe ich die Durchlässigkeit zur Tiefe, während die Gesichter der Erwachsenen oft wie aufgesetzte Masken wirken, verschlossen zur Tiefe. Die meisten Erwachsenen haben Angst durchschaut zu werden. Sie haben Angst, ihre Aggressionen, ihre Gelüste, ihre Gier und auch ihre Angst könnten gesehen und erkannt werden.
Weil sie das Negative verstecken, ist es eine Frage, ob sie es selbst noch sehen und erkennen können.
Es ist wichtig, das Negative zu sehen, zu erkennen und gewaltfrei auszudrücken. Ich habe dies auf dem Weg meines literarischen Schaffens getan und mich dadurch geheilt.
Heilung ist die Umformung negativer Energie in positive Energie. Die negative Hassenergie kann in positive Liebesenergie umgeformt werden. Wenn die Energie gestaut ist, ist sie Hass. Wenn sie fließt, ist sie Liebe. Es ist die gleiche Energie, die sich einmal im gestauten und dann im fließenden Zustand befindet.
Wenn man zur Tiefe verschlossen ist, ist die Energie gestaut. Wenn man zur Tiefe offen ist, fließt die Energie. Wenn ich offen, durchlässig zur Tiefe in mir bin, fühle ich mich gut. Wenn ich verschlossen zur Tiefe in mir und in allem bin, fühle ich mich schlecht, weil ich verschlossen nur Oberfläche bin. Da es der Sinn des menschlichen Lebens ist, durchlässig für die Tiefe zu sein und die Tiefe durch sich auszudrücken, leidet der Mensch, wenn er diesen Sinn seines menschlichen Lebens verfehlt. Ich glaube, dass man seelisches Leiden so definieren kann.
Und für diese seelische Leiden ist das gesamte Gesellchaftssystem mitverantwortlich. Denn unser Gesellschaftssystem ist am Haben orientiert, nicht am Sein. Es verneint die Existenz des Seins oder entwertet das Sein als unwichtig.
Deshalb ist es sehr schwer, in unserer Haben-Gesellschaft durchlässig für das Sein zu werden, aber es ist möglich.
Psychisch gesund ist ein Mensch, der durchlässig für die Tiefe des Seins ist. Psychisch krank ist ein Mensch, der verschlossen für die Tiefe des Seins ist. Die meisten Menschen in unserer Haben-Gesellschaft haben noch nie etwas von der Tiefe des Seins gehört. So gesehen ist unsere gesamte Gesellschaft krank.
Eine endogene Psychose liegt vor, wenn die Tiefe des Seins durch einen Menschen, der noch nie etwas vom Sein gehört hat, durchbrechen will und dieser Mensch in Panik gerät, weil der Durchbruch des Seins in ihm ihn als Ich-Gehäuse zu zerstören droht.
Die Heilung einer endogenen Psychose geschieht, wenn dieser Mensch auf einem langen Weg in einem langen Prozess lernt, sich zur Tiefe des Seins zu öffnen. Ich habe es über den Weg meines literarischen Schaffens gelernt.
 
Was tut die Psychiatrie, wenn in einem ahnungslosen Menschen die Tiefe des Seins durchbrechen will und ihn als Ich zu zerstören droht? Sie stellt ihm die Diagnose "Schizophrenie" und zwingt ihm Medikamente auf, welche die Tiefe in ihm total verschließen, so dass zwar die Gefahr des Durchbruchs der Tiefe gebannt ist, aber dieser Mensch dadurch keine Chance mehr hat, den Sinn seines menschlichen Lebens zu erfüllen. Darunter leidet dieser Mensch sehr schwer. Er ist medikamentös behandelt nur noch Oberfläche, nur noch eine denkende Maschine. Das Leiden unter diesem Zustand ist entsetzlich. Doch die Psychiatrie betrachtet diesen Zustand, nur noch eine denkende Maschine zu sein, als Stillstand der Krankheit, als stabilen Zustand und entlässt den Patienten aus der stationären Psychiatrie, da wir in unserer Gesellschaft denkende Maschinen sein sollen. Eine denkende Maschine zu sein, wird als normal, als gesund betrachtet. Denn wenn die Menschen denkende Maschinen sind, funktioniert unsere am Haben orientierte Gesellschaft am reibungslosesten und effektivsten.
Und immer dann, wenn die Tiefe in diesem Menschen sich erneut meldet und ausgedrückt sein will, nennen die Psychiater das einen schizophrenen Schub, eine akute Schizophrenie. Ich habe nun erklärt, was es wirklich im tiefsten Sinn ist.
 

4

 
Ich will mich ändern. Ich will das Negative immer weniger und das Positive immer mehr sehen und ausdrücken. Ich will das Negative immer mehr ignorieren und mich auf das Positive konzentrieren. Das Negative existiert, es ist real, aber wenn man sich darauf konzentriert, wird man selbst negativ.
Ich will mein Augenmerk immer mehr auf das Schöne, das Gute, das Positive richten. Man sieht immer das, was man sehen will und man übersieht immer das, was man nicht sehen will. Ich sah mich als Opfer dummer, verständnisloser, böser Menschen. Ich sah, was ich sehen wollte: die anderen als die bösen Täter und mich als das gute, arme Opfer. Diesbezüglich will ich mich ändern und versuchen, meine Mitmenschen in einem besseren Licht zu sehen.
Das heißt nicht, dass ich nun den Fall umkehre, indem ich mich als schlechten und die anderen als gute Menschen betrachte. Würde ich das tun, dann würde ich alles noch viel schlimmer machen, als es ist.
Denn das zweite Gebot der Bibel lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was heißt das? Es heißt, dass man den Nächsten nur lieben kann, wenn man sich selbst liebt. Ohne Selbstliebe gibt es keine Nächstenliebe. Wer sich selbst nicht lieben kann, kann auch seine Nächsten nicht lieben.
Das zweite Gebot kann man auch modern ausdrücken: Ich bin o.k- Du bist o.k.
Das ist eine psychologische Wahrheit und die richtige Einstellung.
Auf dem Weg meines literarischen Schaffens durchlief ich drei Entwicklungsstadien:
 
1. Stadium: Ich bin nicht o.k. - Du bist nicht o.k.
2. Stadium: Ich bin o.k. - Du bist nicht o.k.
3. Stadium: Ich bin o.k. - Du bist o.k.
 
Ich beginne jetzt das dritte Stadium: Ich bin o.k. - Du bist o.k.
Es wird immer wieder Rückfälle geben, aber die Gesamttendenz ist ansteigend. Rückfälle werden eintreten, wenn andere mir sagen oder zeigen, ob so ausgesprochen oder anders: Wir sind o.k. - Du bist nicht o.k.
Darauf reagiere ich ganz normal und ganz natürlich: Ich bin o.k. - Ihr seid nicht o.k.
Das heißt, dass ich in Folge solcher Situationen wieder ins zweite Stadium zurückfalle: Ich bin o.k. - Du bist nicht .o.k.
Es geht darum, möglichst schnell wieder aus dem zweiten ins dritte Stadium aufzusteigen: Ich bin o.k. - Du bist o.k.
 
Wenn ich mich zurückerinnere, muss ich aber leider feststellen, dass die Situation in den letzten drei-vier Jahrzehnten wirklich so war, wie ich sie beschrieb. Was ich schrieb, war also realistisch. Die meisten Menschen traten mir mit der Einstellung entgegen: Wir sind o.k. - Du bist nicht o.k. Darauf reagierte ich ganz normal und ganz natürlich: Ich bin o.k. - Ihr seid nicht o.k. Diese Situation habe ich in meinen Werken realistisch dargestellt.
Die Leute wollen das nicht wissen und nicht lesen, weil sie die Wahrheit über ihr Verhalten nicht wissen und nicht lesen wollen. Ich halte ihnen meinen Spiegel vor und sie erschrecken, wenn sie ihr eigenes Spiegelbild sehen. Also schauen sie nicht mehr in meinen Spiegel und erklären meinen Spiegel als Lüge.
Es tut mir leid, liebe Leute, aber ihr könnt euch nur bessern, wenn ihr euch selbst erkennt. Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung.
Doch das wollen sie nicht und ignorieren deshalb mich und mein literarisches Schaffen.
Was ich nun an mir selbst bessern will, ist, dass ich versuchen will, dieses Böse immer mehr zu übersehen und das Gute immer mehr zu sehen.
 

5

 
Das Verhältnis meiner menschlichen Umgebung mir gegenüber ist negativ. Ich werde von den meisten Leuten abgelehnt, verachtet, verurteilt, beleidigt und verleumdet. Sie ignorieren mich, grenzen mich aus, isolieren mich, diskriminieren und mobben mich. Ich bin wirklich Opfer vieler Täter.
Doch über diese negative Realität meines menschlichen Umfelds habe ich schon so viel geschrieben, dass es langweilig werden würde, damit weiter zu machen.
Weil aber nichts Positives im Verhältnis der Leute mir gegenüber wirklich geschieht, muss ich etwas Positives erfinden. Das werde ich nun tun. Ich werde positive Geschichten erfinden. Ich fange an.
 
Gestern läutete es an der Haustür. Ich ging zur Tür, öffnete und war überrascht. Vor mir stand der Ortsvorsteher. Er sagte:
"Hans-Erich, kann ich kurz eintreten? Ich habe etwas mit dir zu besprechen."
Ich antwortete:
"Komm herein!"
Wir traten in unsere Esszimmerküche ein und ich bot dem Ortsvorsteher einen Sitzplatz an. Nachdem wir uns am Tisch gegenüber saßen, räusperte er sich. Ich sah ihm seine Verlegenheit an. Dann sagte er:
"Wir haben eingesehen, dass wir einen Fehler gemacht hatten. Wir hatten dich als Mensch und als Schriftsteller viel zu lange ignoriert. Gestern hat der Ortsrat beschlossen, dass sich etwas ändern muss. Zunächst wollen wir einen Pressebericht in der Saarbrücker Zeitung, im Wochenspiegel und im Amtsblatt über dich und dein Schaffen bringen. Zuerst wollen wir einen Redakteur der Saarbrücker Zeitung zu dir bestellen, der ein Interview mit dir macht. Ich nehme an, dass du damit einverstanden bist."
 
An dieser Stelle wende ich ein, dass es nahezu unmöglich ist, dass das Beschriebene geschieht. Der Ortsvorsteher und der Ortsrat kämen niemals auf die Idee, so etwas zu tun. Es ist also äußerst unrealistisch, was ich frei erfunden habe. In Wirklichkeit ist es so, dass der Ortsrat und der Ortsvorsteher von mir und meinem literarischen Schaffen nach wie vor immer noch gar nichts halten und auch nichts von meiner Schriftstellerei wissen wollen. Falls der Ortsvorsteher sich im Internet über mich und mein Schaffen informiert,- höchstwahrscheilich tut er es nicht,- dann gehört er zu der absoluten Mehrheit derer, die den Sinn meiner Werke in Buchform und im Internet dummerweise nicht verstehen können und daraus, ebenfalls dummerweise, schließen, dass alles, was sie nicht verstehen, Unsinn sei. Sie halten mich demzufolge für krank, nicht klar und durcheinander im Kopf. Ich glaube, dass fast alle, den Ortsvosrsteher eingeschlossen, so von mir denken und schwatzen.
Ich erkenne nun, dass es keine gute Idee war, positive Geschichten erfinden zu wollen, weil positive Geschichten Lügen wären. Mir geht es um Wahrheit, um die Realität, um die Wirklichkeit. Deshalb gebe ich dieses Vorhaben wieder auf und bleibe realistisch. Ich bin ein realistischer Schriftsteller und betrachte mein literarisches Schaffen als Realitätstherapie. Realität-Wahrheit-Wirklichkeit, diese drei Werte stehen für mich an erster Stelle. In diesem Sinn geht es vorerst weiter.
 
 

6

 
Ich war mein Leben lang anders als die Mehrheit, die Masse der normalen, durchschnittlichen Menschen. Normal und durchschnittlich war ich nie und werde nie normal und durchschnittlich sein. Ich fühlte mich immer zu Höherem berufen, weil ich zu Höherem berufen bin. Normale, durchschnittliche Menschen halten das für Arroganz. Sie halten mich unter anderem für arrogant und verhalten sich mir gegenüber unter anderem auch deshalb mit Ablehnung.
Ich bin aber nicht arrogant. Ich will meinen eigenen Weg gehen und auf meinem eigenen Weg meine Einzigartigkeit entfalten und verwirklichen. Das ist keine Arroganz. Dazu sind alle Menschen berufen, aber den Allermeisten ist der eigene Weg zu riskant und zu gefährlich. Davor schrecken sie zurück, davor haben sie Angst, weil sie auf dem eigenen Weg zu Sonderlingen und Außenseitern würden.
Es gehört viel Mut dazu, den eigenen, einzigartigen Weg zu gehen. Den meisten Menschen fehlt der Mut dazu. Aber nur so kann man sich weiter und höher entwickeln. Nur so kann man wachsen. Diese Tatsache ist ein Naturgesetz.
Ich fühle mich allein und allein gelassen, weil ich allein gelassen werde. Warum ich allein gelassen werde, habe ich eben erklärt.
Ich empfinde dieses Allein-Gelassen-Werden als Einsamkeit und leide unter meiner Einsamkeit. Mein Leben lang war ich einsam und litt unter meiner Einsamkeit.
Ich muss es endlich begreifen: Entweder passt man sich an, ist wie alle und tut alles wie alle, um zur Mehrheit, zur Masse zu gehören, oder man geht seinen eigenen, einzigartigen Weg und wird allein gelassen. Beides zusammen ist nicht möglich. Man kann nicht einzigartig sein und zugleich zur Masse gehören.  Aufgrund dieser Einsicht sollte ich aufhören, mich über mein Allein-Gelassen-Werden, mich über meine Einsamkeit zu beklagen und zu beschweren, sondern mutig auf meinem einzigartigen Weg weiter gehen, ohne  den Ungeist der Masse, den Massengeist zu beachten.
Heute ist der 29. Februar 2020. Der dunkle, kalte, nasse, trübe, einsame Winter geht vorüber. Der Frühling naht. Die Natur erwacht zu neuem Leben. Schneeglöckchen und Krokusse blühen. Die ersten Vögel lassen ihre Stimmen hören.
 
 

7

 
Ich besitze zwei Fahrzeuge, ein Auto und einen Motorroller. Wenn das Wetter es erlaubt, fahre ich mit dem Roller. Das Fahren mit meinem Roller ist mein Hobby. Mein roter Roller, Motowell, 50ccm, 45 km/h, ist mein Frischluftfahrzeug. Ich fahre mit ihm durch die frische Luft. Das ist das Schöne daran. Es fühlt sich an, als reite ich auf meinem Pferd durch die Prärie wie Winnetou und Old Shatterhand. Ich habe ein Gefühl von Freiheit. Freiheit ist mein höchstes Gut. Freiheit ist die Grundlage alles Guten. Ohne Freiheit hat alles andere wenig Wert. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Wenn meine Freiheit eingeschränkt wird, werde ich krank. Wenn ich nicht mit meinem Roller fahren kann, ist das für mich wie ein Freiheitsentzug.
Heute ist Sonntag, der 01. März 2020. Ich sitze am Küchentisch. Es ist 6 Uhr in der Frühe. Ich hoffe, dass das Wetter es mir erlaubt, mit meinem Motorroller zu fahren.
Der 01. März ist der Beginn eines neuen Versicherungsjahrs für meinen Roller. Das neue Schild und den neuen Versicherungsschein habe ich schon. Ich muss das neue Schild nur noch an meinem zweirädrigen Fahrzeug anbringen. Sobald es hell ist, werde ich das tun.
Das neue Schild habe ich angebracht, aber es ist heute Morgen leider zu stürmisch und zu regnerisch, um mit meinem Roller zu fahren. Ich muss mit meinem Auto fahren.
Mein Auto ist ein weißer Dacia Duster, 115 PS. Es ist ein Jahr alt. Mein Wagen hat für mich auch einen hohen Stellenwert, aber nicht als Statussymbol, sondern als wichtiges Fortbewegungsmittel. Man kann ja nicht alles mit dem Roller erledigen. In einem kleinen Dorf, in dem es nichts gibt und die Busverbindungen schlecht sind, braucht man ein Auto. Wenn man das nicht hat, ist man in seiner Freiheit schon stark eingeschränkt.
Ob ich mit meinem Roller oder mit meinem Auto fahre, es passiert nichts in meinem Leben. Ich fahre von Einsamkeit zu Einsamkeit. Ich führe ein langweiliges, einsames Leben. Das einzige Gute ist, dass ich die Freiheit habe, zu tun und zu lassen, was ich will.
 
 

8

 
In meinem gegenwärtigen Leben passiert nichts Aufregendes und nichts Spannendes. Wie die meiste Zeit, führen die Leute kalten Krieg gegen mich, das heißt, dass sie mich ignorieren, ausgrenzen und isolieren. Ab und zu geht der kalte Krieg in den heißen Krieg über. Im heißen Krieg kommt zum Ignoriern, Ausgrenzen und Isolieren noch Mobbing dazu. Das ist für mich aufregend in dem Sinn, dass ich mich darüber aufrege. Doch auf diese Aufregung könnte ich gut und gerne verzichten. Zur Zeit herrscht, wie meistens, kalter Krieg gegen mich.
 
Spaß zu haben, das gibt es in meinem Leben nicht. Mit wem sollte ich denn Spaß haben? Es will ja niemand etwas mit mir zu tun haben.
Spaß hatte ich zuletzt in meiner Jugend. Der Spaß meiner Jugend war mit Alkohol verbunden. Mit den Jugendfreunden einen zu saufen, das machte damals noch Spaß. Meine Jugend war die einzige Zeit, in der ich Freunde hatte bzw. was man so Freunde nennt. Freunde waren sie eigentlich nicht, sondern Kumpel, die schon lange nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Diese so genannten Jugendfreunde sind es nicht wert, an sie zu denken, und erst recht nicht, über sie zu schreiben.
Weil mein Leben so langweilig und einsam ist, langweilt es wahrscheinlich auch zu lesen, was ich über mein langweiliges Leben schreibe. Also mache ich jetzt Schluss mit der Langeweile und erfinde eine spannende Geschichte. Diese Geschichte hat überhaupt nichts mit mir zu tun, außer dass ich sie schreiben werde.
Da die Menschen das Böse spannender und faszinierender finden als das Gute, wird meine Geschichte die Erzählung eines Bösewichts aus seinem Verbrecherleben sein. Es ist die Geschichte einer Bestie. Diese Bestie ist ein Mann, der das genaue Gegenteil von mir ist. Er ist ein eiskalter, skrupelloser, bestialisch grausamer atheistischer Materialist.
 
Fortsetzung folgt...