Panische, traumatische Angst vor der Psychiatrie

 
Er lag neben seiner Lebensgefährtin im Doppelbett und schlief. Gegen Mitternacht hatte er einen schlimmen Alptraum. Er wachte auf. Sein Herz schlug heftig. Das Kopfkissen war nass geschwitzt. Er war innerlich in einem elenden Zustand und grübelte über die Bedeutung seines Alptraums nach, der ihn schwer erschüttert hatte. Nach einer halben Stunde schlief er wieder ein. Ein paar Stunden später erwachte er noch einmal aus einem weiteren Alptraum. Der Schlaf kehrte aber recht schnell wieder zurück. Die Nacht neigte sich dem frühen Morgen zu. Er kam zu äußerem Bewusstsein, öffnete seine Augen aber noch nicht. Der Schlaf übermannte ihn noch einmal kurz. Noch einmal blieb er liegen, ohne die Augen zu öffnen. Als dies zum dritten Mal geschah, öffnete er seine Augen und sah das Schlafzimmer vom ersten Dämmerlicht des Morgens in ein Halbdunkel gehüllt. Sofort wurde er sich seiner Situation bewusst, und die ständige innere Qual war wieder gegenwärtig, noch bevor er aufgestanden war. Nun erhob er sich im Bett und stand auf. Er machte kein Licht, um seine Lebensgefährtin nicht im Schlaf zu stören und ging im Halbdunklen die alte Holztreppe hinunter. Bei jedem Tritt knarrte eine Treppenstufe. Im Erdgeschoss angekommen, knipste er das Licht in der Esszimmerküche an und schaute auf die gegenüber liegende Küchenuhr. Sie zeigte 5:40 Uhr. Er machte Licht in dem kleinen Badezimmer, setzte sich aufs Klo und urinierte. Dann kochte er sich die erste Tasse Instant-Kaffee. Er platzierte sich an den Küchentisch, stopfte sich die erste Zigarette und zündete sie an. Seine Augen waren noch vom Schlafrotz halb zugeklebt, sodass er noch nicht voll sehen konnte. Deshalb wischte er sich mit der rechten Hand über seine Augen. Jetzt sah er schon besser. Er schaute auf sein Handy. Es zeigte das Tagesdatum an: 27. 04. 2018. Vor drei Monaten, im Januar 2018, war er 61 Jahre alt geworden. Die Esszimmerküche, in der er nun am Küchentisch saß, war der Raum, in dem ihn seine Mutter vor 61 Jahren zur Welt gebracht hatte. Er hieß Hans-Werner Kaiser und lebte seit seiner Geburt in seinem Elternhaus in einem kleinen 320-Seelen-Dorf im nördlichen Saarland. Dieses kleine Dorf lag in einem Tal, zu dem fünf Ortschaften gehörten. Ein weiterer, größerer Ort grenzte in westlicher Richtung an dieses Tal an. Diese sechs Dörfer bildeten Hans-Werner Kaisers engere Umgebung. Seine äußere Umgebung war das Saarland. Seine engere Umgebung soll in diesem Schriftwerk Kalthausen heißen. Kalthausen bezeichnet also sechs Dörfer, die sozusagen seine Heimat bildeten. Hans-Werner Kaiser war in seiner Heimat heimatlos. Er hatte schon lange keine Heimat mehr, denn in Kalthausen wurde er schon seit über 30 Jahren mit kalter Zurückweisung und Ablehnung behandelt. Dies war der Hauptgrund seiner ständigen inneren Qual. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in seiner linken Hand gestützt, und rauchte seine ersten zwei Zigaretten. Nun hatte seine erste Tasse Kaffee eine mundgerechte Temperatur und er trank sie langsam aus, um sich danach die zweite Tasse zu kochen. Erst als er acht Zigaretten geraucht und vier Tassen Kaffee getrunken hatte, waren seine Lebensgeister zurückgekehrt. Jeden Morgen nach dem Aufstehen fühlte er sich, als wäre er aus einer Narkose erwacht. Er brauchte täglich in der Frühe acht Zigaretten und vier Tassen Kaffee, um wieder sein volles Wachbewusstsein zurück zu gewinnen. Währenddessen er rauchte und Kaffee trank, gingen ihm zuerst seine Alpträume nach und beschäftigen ihn innerlich. Immer wieder stellte er sich die Frage, was sie wohl zu bedeuten hätten, kam aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Ihm war nur klar, dass es sich um Angsträume gehandelt haben musste, die aus seinen tiefsten Ängsten hervorgingen. Eine seiner tiefsten Ängste war seine Angst vor der Psychiatrie. Darin bestand der Inhalt des ersten Alptraums, in dem er zwangseingewiesen werden sollte. Er war viermal stationär Patient der Psychiatrie gewesen, und zwar von Januar bis März 1978 in Merzig, von Januar bis Februar 1986 in Homburg, im Januar 1995 in Völklingen und im Oktober 2006 in Wallerfangen. 1978, 1986 und 1995 war er mehr oder weniger „freiwillig gezwungen“, 2006 mit richterlichem Beschluss zwangseingewiesen worden. Wegen seiner stationären Erfahrungen im psychiatrischen Krankenhaus bezeichnete er die Psychiatrie als Seelenschlachterei. Dieses Wort gibt wider, wie grausam seine Psychiatrieaufenthalte für ihn gewesen waren und wie schrecklich seine Angst vor der Psychiatrie war. Seine panische, traumatische Angst, in die Psychiatrie gefahren zu werden, entsprach der Angst eines Schlachttiers, das in die Schlachterei gefahren wird.